Gastbeitrag von Pia

Wir sitzen in Matzes Zimmer. Freiburger Straße. Es ist Wochenende und wir überlegen, ob wir lieber in die Nachtschicht, die Untere oder einfach auf die Neckarwiese gehen sollen. Matze mal wieder mit Krücken am Start. Auf dem Tisch steht natürlich eine Shisha, im Hintergrund läuft B2K „Bump, Bump, Bump“. Was wir damals für wahnsinnig gut hielten und peinlicherweise heute immer noch.

Wir reden über das Leben.

Mit der Naivität von zwei 16-Jährigen haben wir natürlich bereits ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie das Leben funktioniert. Wir lachen viel. Eigentlich lachen wir fast immer.

Wir haben uns in der 5. Klasse kennengelernt. Noch mehr als die Zeit im Klassenzimmer hat uns aber die Zeit außerhalb davon verbunden. Wir waren Teil desselben Freundeskreises, und einen Großteil meiner verrücktesten, peinlichsten und prägendsten Jugenderinnerungen teile ich mit Matze.

Wir sind zusammen erwachsen geworden. Wir haben uns in ICQ verabredet, uns auf knuddels Rosen geschickt und auf limewire „I Don’t Wanna Know“ von Mario Winans heruntergeladen. Wir haben uns an der Spaghetti-Säule verabredet, im Nachtbus Rundfahrten gemacht und sind durch den McDonald’s-Drive-in gelaufen. Eismaschine natürlich wieder mal kaputt. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich fast 25 Jahre später tausende Kilometer entfernt in New York sitzen und noch immer regelmäßig mit diesem Typen über das Leben philosophieren würde, hätte ich ihm wahrscheinlich nicht geglaubt.

Noch weniger hätte ich geglaubt, was zwischen dieser sorglosen Zeit und heute alles passieren würde. Denn wenn ich auf Matzes Leben zurückblicke, denke ich nicht zuerst an die schwierigen Zeiten. Ich denke an all die Momente, in denen er es geschafft hat, über die tausenden Hürden zu springen – natürlich auf Krücken – und dabei meistens noch zu lachen.

Als er sich den Fuß brach und sein größtes Hobby, Fußball, plötzlich ausfiel, hätte jeder andere vermutlich erst einmal die Auszeit im Bett verbracht und Trübsal geblasen. Matze nicht. Er war nahezu jeden Tag in der Schule, auf jeder Party und mit seinen Krücken unterwegs. Die bekamen irgendwann gefühlt ein eigenes „Stadtleben“-Profil. Und weil ihm das offenbar noch nicht genug war, halste er sich zusätzlich das Amt des Stufensprechers auf. Rückblickend war das vielleicht eine der ersten Lektionen, die ich von ihm gelernt habe: Ein Rückschlag ist ein Rückschlag. Aber er muss nicht entscheiden, was danach kommt.

Jahre später, ich saß in meinem Studentenzimmer in Stuttgart, kam der Anruf, an den ich mich bis heute sehr genau erinnere. Zwischen MRT und Arztbesuch rief mich Matze an und sagte eigentlich nur eins: Multiple Sklerose. Ich wusste damals nicht einmal genau, was das bedeutete. Also reagierte ich zunächst erstaunlich ruhig. Danach habe ich das Internet einmal komplett durchgelesen – Krankheitsverläufe, Erfahrungsberichte, Arztforen und natürlich auch die unangenehmste Frage: Was bedeutet das eigentlich für das Leben, das vor ihm liegt? Und wieder war da dieser Unterschied zwischen dem, was passiert, und dem, was Matze daraus macht. Er hat nie so getan, als wäre alles leicht. Aber er hat sich auch nie von einem schlechten Kapitel davon überzeugen lassen, dass die ganze Geschichte schlecht wird.

Das zeigte sich später wieder bei seiner Hochzeit. Ausgerechnet Matze – für den „die Party“ eigentlich eine eigene Lebensdisziplin ist und der gefühlt auf zehn Hochzeiten im Jahr auftaucht – erlebt seine eigene Hochzeit mitten in Corona. Die große Feier in Polen: abgesagt. Dazu noch zum Altar zu humpeln: ebenfalls nicht ganz der ursprüngliche Plan. Aber auch daraus wurde kein verlorener Tag, sondern ein unvergesslicher. – Und dann kam die Geburt seiner Tochter. Ich erinnere mich noch genau, wie die beiden mich an meinem Geburtstag angerufen und mir erzählt haben, dass sie ein Kind erwarten. Neun Monate später, als es tatsächlich losging, kamen neue Sorgen und neue Hürden. Matze hatte Corona und durfte bei der Geburt nicht dabei sein. Bei der Geburt des eigenen Kindes nicht dabei sein zu können, war eine der wohl härtesten Situationen, die ich bei ihm erlebt habe. Und auch hier haben er und seine damalige Frau mit unglaublich viel Kraft versucht, aus einer beschissenen Situation das Beste zu machen.

Vielleicht ist genau das der rote Faden in Matzes Leben. Nicht, dass ihm alles leicht gefallen wäre. Sondern dass er sich immer wieder geweigert hat, die schwierigen Dinge zum Mittelpunkt seiner Geschichte zu machen. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich ihn bis heute so gerne anrufe. Trotz der tausenden Kilometer zwischen New York und Heidelberg rufe ich Matze auf dem Weg zur Subway an, erzähle ihm, was bei mir gerade schiefläuft, und höre mir an, was bei ihm passiert ist. Und plötzlich fühlt es sich wieder an wie damals im Zimmer. Freiburger Straße. Matze anrufen ist für mich Tank aufladen. Er schafft es, mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, mir einen Reality Check zu geben, mich zu motivieren weiterzumachen – und das Ganze meistens noch mit einem lustigen Spruch. Wir legen auf. Und ich grinse immer noch.

Wenn ich heute auf fast 25 Jahre Freundschaft zurückblicke, finde ich es ziemlich absurd, wie viel Leben zwischen diesem Zimmer in der Freiburger Straße und der stickigen Subway in New York liegt. Wir haben uns als Kinder kennengelernt. Wir haben zusammen gelacht, gefeiert, gelitten und wahrscheinlich deutlich mehr schlechte Entscheidungen getroffen, als hier erwähnt werden sollten. – Und irgendwo zwischen all diesen Jahren ist aus einem Jungen, der in der 5. Klasse neben mich gesetzt wurde, jemand geworden, der mich bis heute motiviert und inspiriert. Ein Anruf genügt, und ich sitze wieder in diesem Zimmer. Mit Matze, einer Shisha und der Gewissheit: Wir kriegen das schon hin. Mit einem Lächeln.

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