Manche Menschen begleiten einen nur ein Stück des Weges. Andere tauchen irgendwann in der Kindheit auf und wenn man viele Jahre später zurückblickt, merkt man, dass sie eigentlich schon immer Teil der eigenen Geschichte waren.
Matze ist für mich so ein Mensch.
Wenn ich an ihn denke, denke ich zuerst an Fußball. Wir müssen ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein, als wir uns beim SG Kirchheim kennengelernt haben. Bambini, kleine Trikots und gelbe Adidas F30 Fußballschuhe.
Im Sturm als Nummer eins gesetzt. Derjenige, der die Tore gemacht hat. In der Bambini, später in der F-Jugend, in der E-Jugend, eigentlich immer. Er gehörte zu den besten Spielern, hatte einen starken linken Fuß, einen harten Schuss und vor allem diesen einen Move, der mich damals fasziniert hat und den ich bis heute mit ihm verbinde.
Er stellte den Ball so vor den Gegenspieler, dass dieser eigentlich nur noch zugreifen musste. Und genau in dem Moment, in dem der Gegner dachte: Jetzt habe ich ihn, zog Matze den Ball mit der Sohle zurück, legte ihn zur Seite und war weg. Heute würde man diese Bewegung wohl als Variante eines „V-Pull“ bezeichnen. 1995 war es einfach Matzes ganz eigener Move. Und irgendwie war es vielleicht schon damals mehr als nur ein Fußball-Move. Aber dazu später.
Aus dem Fußballverein wurde Schule. Bis auf zwei Jahre waren wir eigentlich durchgehend in derselben Klasse. Wenn ich an diese Jahre zurückdenke, dann fällt mir vor allem eines ein. Matze war immer super drauf. Und dabei hätte es genügend Gründe gegeben, schlechte Laune zu haben. Denn Matze hatte schon damals unglaublich viel mit Verletzungen zu tun. Es brauchte zehn Operationen um seine Knie wieder herzustellen. Dazu zwei Leistenoperationen und immer wieder Reha. Immer wieder zurückkommen.
Und dann gab es diesen Moment, den ich bis heute vor Augen habe: Matze kommt in der 11. Klasse im Rollstuhl ins Klassenzimmer. Das Knie war durchgestreckt, er durfte nach einer OP nicht laufen. Andere hätten sich zurückgezogen. Hätten gehofft, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Matze machte mit dem Rollstuhl faxen. Später waren es Krücken. Er war auf Partys mit Krücken. Er war mittendrin.
Das heißt nicht, dass es für ihn immer leicht gewesen sein muss. Im Gegenteil. Ich kann nicht wissen, was in ihm wirklich vorging und welche Schmerzen, Ängste oder Zweifel er mit sich ausgemacht hat. Aber ich weiß, was er nach außen getragen hat: Lebensfreude. Und vielleicht ist genau das ein wichtiger Teil von Resilienz: nach einem Rückschlag wieder aufzustehen, sich neu auszurichten und weiterzumachen.
Mit dem Umzug in die Freiburger Straße veränderte sich noch einmal etwas. Eine neue Umgebung, neue Konstellationen und neue Menschen. Wenn die Philipp-Reis-Straße
für mich die Versinnbildlichung der Kindheit mit ungeplantem und unbeschwertem Zusammensein war, wo sich alle Kinder getroffen, gespielt und einfach eine gute Zeit hatten, dann wurde die Freiburger Straße vielleicht zu einem weiteren Schritt in Richtung dessen, was Matze bis heute auszeichnet. Menschen miteinander zu verbinden.
Und vielleicht hat er dabei etwas entwickelt, das später immer wichtiger für ihn wurde: die Fähigkeit, aus Beziehungen, Gemeinschaft und Begegnungen Energie zu schöpfen und diese Energie wiederum an andere weiterzugeben.
Irgendwann wurden wir älter. Mit Matze, der immer schon gerne gelebt hatte, begannen wir das Leben richtig auszukosten: Freunde, Feiern, Nachtleben und Alkohol. Immer jemand um ihn herum und immer irgendeine Geschichte.
Und wahrscheinlich kennt das jeder von uns: Wenn es einem gut geht, hält man das Gute irgendwann für selbstverständlich. Eine geile Nacht ist dann einfach eine geile Nacht. Ein Abend mit Freunden ist einfach ein Abend mit Freunden. Gesund zu sein ist normal. Morgen ist sowieso wieder morgen. Man denkt nicht darüber nach, wie besonders all das eigentlich ist. Bis sich etwas verändert. Bei Matze kam diese Veränderung mit einer Nachricht, die niemand hören möchte:
MS.
Und genau hier beginnt für mich die eigentlich beeindruckende Geschichte. Denn rückblickend habe ich das Gefühl, dass Matze nicht plötzlich ein anderer Mensch wurde. Er hat etwas, das schon immer in ihm war, noch bewusster gemacht. Er begann, das Leben anders zu betrachten. Bewusster, dankbarer und intensiver.
Nicht unbedingt, weil plötzlich alles schön war. Sondern vielleicht, weil man versteht, dass nichts selbstverständlich ist.
Heute beobachte ich Matze und sehe einen Menschen, der Momente bewusster wahrnimmt. Er feiert das Leben. Die vielen kleinen und großen Dinge, aus denen ein gutes Leben besteht. Menschen, Freundschaften, Reisen, Erlebnisse, Begegnungen, Arbeit, Erfolge, vor allem Zeit und die Möglichkeit, diese Dinge überhaupt zu erleben.
Das Faszinierende daran ist, dass seine Krankheit dabei nicht verschwunden ist. MS ist nicht plötzlich weg. Die Herausforderungen sind real und trotzdem ist da dieser Mensch, der heute auf Bühnen steht, Keynotes hält, Menschen mitnimmt, Mitarbeitende inspiriert, Freunde begeistert und sein Leben sichtbar gestaltet.
Und das bringt mich wieder zu seinem V-Pull Move. Damals war es einfach ein verdammt guter Fußball-Move. Heute kann man darin etwas anderes sehen.
„Das Leben stellt einem manchmal Dinge in den Weg, mit denen man nicht gerechnet hat: eine Verletzung, eine Diagnose oder einen Rückschlag. Man kann sie nicht einfach wegdribbeln. Aber man kann entscheiden, was man mit dem nächsten Moment macht. Man kann den Ball zurückziehen. Sich neu orientieren und eine andere Richtung suchen. Und dann wieder loslaufen. Genau das verbinde ich heute mit Matze.“
Das ist auch der Grund, warum er so inspirierend für mich ist. Weil sein Leben nicht davon erzählt, dass man nie fällt. Sondern davon, dass man immer wieder aufstehen kann.
Matze hat eine unglaubliche Fähigkeit, aus dem Leben etwas zu machen. Er zeigt mir, dass man sich das Leben nicht immer aussuchen kann. Aber dass man sehr oft mitentscheiden kann, wie man ihm begegnet.
Ball zurück. Richtung wechseln. Und wieder loslaufen.